Literatur und Stadtbild. Urbane Identität in Ost–Mittel Europa.

buczacz rathaus alt u neu1
Projektzeitraum: 2013 bis Feb. 2017
Projektleitung: Alois Woldan, Insitut für Slawistik, Universität Wien
Leitung nationaler Kooperationspartner TU Wien: Marina Döring-Williams
Projektfinanzierung: FWF P25308-G21
Projektteam: Bo Larsson
(Lund University)
Stefan J. Kubin
(TU Wien, Fachbereich Baugeschichte::Bauforschung)
Dominika Rank MA
(Ukrainian Catholic University, L´viv)
Prof. Dr. Mychajlo Beiz
(Faculty of Architecture, State University ”L´viv Polytechnic”, L´viv)
Katarzyna Kotyńska
(PhD, Polish Academy of Science, Instytut Slawistyki, Warszawa)
Prof. Dr. Petro Rychlo
(Iurij Fedkovych National University, Chernivci)
Nataliya Rymska MA
(Center for Urban History of East Central Europe (L´viv),)

Projektinhalt:

Vertreibung und Völkermord während des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen änderten radikal die ethnische Struktur in weiten Teilen von Ost- und Mitteleuropa. Im heutigen Westen der Ukraine wurden durch die Shoa, Massenvertreibungen, und Zwangsumsiedelung von Polen, Ukrainern, Deutschen, Rumänen und anderen ethnischen Gruppen die Mehrheit der Bevölkerung in fast allen Städten ausgetauscht. Die meisten Gebäude und städtischen Räume blieben jedoch als Spuren der verschwundenen Bevölkerung.

Diese städtischen Umgebungen wurden allmählich von den aus der Sowjetunion neu Angesiedelten übernommen, nur ein geringer Anteil verblieb aus der ursprünglichen Bevölkerung. Die veränderten nationalen Grenzen verschoben die Städte in neue ethnische, politische und gesellschaftliche Kontexte, die sich stark von der früheren Struktur distanzierten. Historische Kontinuitäten wurde weitgehend abgeschnitten, ersetzt durch eine aufgezwungene Bindung an die Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Erhebliche Teile der Nachkriegsbevölkerung hatten in den Städten, in denen sie nun lebten, keine kulturellen Wurzeln, während ethnische Gruppen, die früher Schlüsselpositionen in der politischen, kulturellen und ökonomischen Entwicklung der Städte besaßen, in der Regel fehlten.

In Ost- und Mitteleuropa wurde seit den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit daraufgelegt, wie die Erinnerung an die verschwundene Bevölkerung behandelt wurde. Einerseits kann die Aufarbeitung dieser, oft traumatischen Erinnerungen, zu einer größeren Offenheit, einem Prozess der Versöhnung und abnehmenden Risiken für künftige ethnische und kulturelle Konflikte, bedingt durch die Geschichte, beitragen. Andererseits kann die Betonung des multiethnischen Kulturerbes und die Achtung des kulturellen Erbes der Vertriebenen und Ermordeten zu einem verstärkten Interesse für die Städte und ihr kulturelles Umfeld und ihre Identität sowohl national als auch international beitragen.

Das interdisziplinäre und internationale Forscherteam beschäftigt sich mit einem besonderen Aspekt: der Identität der Vorkriegsstädte, interpretiert aus literarischen Texten, die mit dem Stadtumfeld und den Beziehungen zwischen den Autoren und den Städten zusammenhängen. Dies könnte dazu beitragen, wesentliche Aspekte der Identität der Städte, die mit der städtischen Umwelt verbunden sind, zu finden. Das Projektteam wird aber auch Texte von Nachkriegs- und zeitgenössischen Schriftstellern heranziehen, um ihre Interpretation der Stadtlandschaft mit früheren zu vergleichen.

Das Herausforderung für das Projekt ist es, die Identität der Vorkriegsbevölkerung und der städtischen Kultur in diesen besonderen Städten durch die Autoren, ihre Biographien und ihre Schriften im Zusammenhang mit der städtischen Umwelt zu setzen. Dies impliziert eine Beschreibung wesentlicher Teile der Stadtidentität durch die Analyse von Beziehungen zwischen Autoren, literarischen Texten und dem städtischen Umfeld. Gleichzeitig geht es darum, Methoden zur Analyse dieser Beziehungen zu entwickeln und zu diskutieren, inwieweit wesentliche Elemente der städtischen Umwelt durch literarische Texte und den Alltag ihrer Autoren interpretiert werden können.

Untersucht werden im konkreten Fall die Identität und das kulturelle Erbe von fünf Städten die nach dem Zweiten Weltkrieg von Polen und Rumänien an die sowjetische Ukraine abgetreten wurden, und die Mehrheit ihrer Bevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg durch Genozid, Vertreibung und Exil verloren haben: Lemberg, Tschernowitz, Brody, Drohobytsch und Buchach.

Alle diese Städte waren von den 1770er bis 1918 Teil von Österreich–Ungarn und haben daher ein gemeinsames kulturelles Erbe. Zwei dieser Städte Lemberg und Tschernowitz (L’viv bzw. Chernivci) sind größere städtische Einheiten und wurden in der zeitgenössischen Literaturszene ausführlich beschrieben, zwei vor allem im Zusammenhang mit einem einzigen Autor (Brody: Joseph Roth, Drohobytsch: Bruno Schulz). Buchach ist noch weniger bekannt – Samuel Joseph Agnon, vermutlich der berühmteste Schriftsteller, der dort geboren wurde, ist bisher kaum bekannt.

Die Schlussfolgerungen beziehen sich sowohl auf die Interpretation literarischer Texte als Bezug auf die städtische Umwelt und wie diese die Autoren und ihre Schriften beeinflussen. Die Verbindung „literaturgebundene Umwelt“ eröffnet neue Perspektiven der Stadt als „Gedächtnisstätte“.

Die Verbindung Literatur – städtische Umwelt (Architektur) ist dabei ein eher neues Forschungsgebiet und eröffnet daher neue Perspektiven zur Theorie der „Erinnerungsorte“. Die Unterschiede zwischen „topografischen“ und „topologischen“ Aspekten sowie zwischen „nicht-literarischen“ und „literarischen“ Städten bieten neue Wege, die Identität und die „Seele“ einer Stadt zu erforschen.




JüdischerFriedhof in Brody, ©Stefan Kubin 2014 Synagoge Brody, ©Stefan Kubin 2014



Rathaus aus dem 18. Jahrhundert in Buczacz, Ukraine, ©Stefan Kubin 2014 Altes und neues Rathaus von Buczacz, Ukraine, ©Stefan Kubin 2014 Das Kloster des Mönchsordens der Basilianer, Buczacz, Ukraine, ©Stefan Kubin 2014