Moderne Heil- und Pflegeanstalten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie

Titelbild - Moderne Heil-Pflegeanstalten
Projektzeitraum: seit 2011
Projektleitung: Ao. Univ. Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Caroline JÄGER-KLEIN, TU-Wien, Architekturgeschichte
Ao. Univ. Prof. Dr. Sabine PLAKOLM-FORSTHUBER, TU-Wien, Kunstgeschichte
Projektfinanzierung: FWF P25308-G21
Forschungspartner: Wiener Stadt- und Landesarchiv, Krankenanstaltenverbund (KAV), NÖ Landesarchiv St. Pölten
Forschungsgeleitete Lehre: Verknüpfte Lehrveranstaltungen: Wahlseminar Architekturgeschichte, Wahlseminar Kunstgeschichte,
Seminar zur Architekturhistorischen Praxis, Vertiefungsseminar, Privatissimum für Diplomanden

Projektinhalt:

Am Steinhof. Zur Baugeschichte der „Nö. Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke“ in Wien, 1903-1907.

1907 schon beschreibt der einflussreichste Propagandist der „Secession“, der österreichisch-ungarische Kunstkritiker Ludwig Hevesi, die ehemaligen Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke Am Steinhof in Wien als „weiße Stadt“, und stellt damit eine vollkommen neue Architektursprache der Moderne vor. Allerdings steht bei ihm und zahlreichen seither erschienenen Aufsätzen und Publikationen die Anstaltskirche St. Leopold von Otto Wagner im alleinigen Mittelpunkt der Betrachtungen. Es wird nicht näher auf die Formensprache und Ausführung der anderen Bauwerke dieses ausgedehnten Pavillonkrankenhauses eingegangen, das zwischen 1902 und 1907 nach Planungen und unter Leitung von Carlo von Boog und Franz Berger errichtet wurde. Diese damals größte und modernste Anlage Europas zur stationären Pflege und Heilung psychisch Erkrankter resultierte aus der systematischen Optimierung des Krankenhausbaues innerhalb der k. u. k. Monarchie. Die innovative Zusammenarbeit zwischen Medizinern, Anstaltsdirektoren, Verwaltungsbeamten, Technikern und Architekten sowie die gezielte Förderung seitens der Politik der Kronländer erstaunt noch heute, und wurde insbesondere in den letzten zehn Jahren durch die britische Forscherin Leslie Topp international bekannt gemacht.

Alle bisherigen Untersuchungen erfolgten jedoch ohne Kenntnis des umfassenden Planbestandes, mehreren tausend Plänen, die in den letzten Jahren von der Technischen Direktion Am Steinhof zusammengetragen und zur digitalen Bearbeitung und Archivierung an das Wiener Stadt- und Landesarchiv abgegeben wurden. Die beiden Professorinnen für Architekturgeschichte beziehungsweise Kunstgeschichte an der Technischen Universität Wien, Dr. Caroline Jäger-Klein und Dr. Sabine Plakolm-Forsthuber, haben zwischen 2011 und 2014 gemeinsam mit Studierenden des Faches Architektur diese und weitere Quellen wie eine kaum bekannte Fotosammlung, eine Glasdiasammlung, die von Erwin Pendl um 1907-10 angefertigte Aquarellserie vorwiegend zum Sanatorium (die Originale befinden sich im Wien Museum) und Modellen (Technisches Museum, Steinhof), Planbüchern und Baujournale, anstaltseigene gedruckte Berichte, Statuten, Dienstvorschriften sowie die Akten zum heutigen Otto Wagner-Spital im Nö. Landesarchiv gesichtet und zu einer ausgedehnten Monografie verarbeitet.

Publikation:
Caroline Jäger-Klein, Sabine Plakolm-Forsthuber (Hrsg.), Fotografien von Wolfgang Thaler: Die Stadt außerhalb. Zur Architektur der ehemaligen Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke Am Steinhof in Wien, Birkhäuser Verlag, 2015 (ISBN 978-3-0356-0630-0)

Inhaltsangabe des Buches:
Der erste Teil des 368 Seiten starken Buches widmet sich in 15 wissenschaftlichen Fachbeiträgen verschiedensten Themen zu dieser Anlage aus dem Blickwinkel der Architektur- und Kunstgeschichte, jedoch auch der Gegenwart und Zukunft der annähernd vollständig im Originalzustand erhaltenen, denkmalgeschützten Anlage aus über 60 Einzelobjekten. Monika Keplinger (TU-Graz) ordnet die Anstalt Am Steinhof aus kunsthistorischer Sicht den anderen Anlagen zur Unterbringung psychisch Kranker in Wien zu. Caroline Jäger-Klein ergänzt aus Sicht der Architekturhistorikerin um die Generation der sogenannten modernen Irrenanstalten der Kronländer der Monarchie um 1900. Gustav Schäfer (vormaliger Verwaltungsdirektor des Otto-Wagner-Spitals) widmet seinen Buchbeitrag dem Schöpfer der Anstalt Leopold Steiner. Sabine Plakolm-Forsthuber führt durch die Baustelle der „weißen Stadt“ und erklärt das Pavillonsystem im Krankenhausbau als Zeichen des Kulturfortschritts der Moderne. Richard Kurdiofsky (Österreichische Akademie der Wissenschaften) fasst die Idealvorstellungen Otto Wagners zu seiner Anstaltskirche zusammen. Jäger-Klein widmet sich den drei Architekten der Anlage, Carlo von Boog, Otto Wagner und Franz Berger. Stefan Melwisch (Germanist, Architekturstudent und Mitarbeiter in einem Bauingenieurbüro) begründet die innovative Bautechnik als frühes „Megaprojekt“ des Eisenbetons in Österreich. Mathias Groisböck (Architekturstudent) beleuchtet gemeinsam mit Plakolm-Forsthuber die Techniken der Hygiene am Steinhof. Sabine Plakolm-Forsthuber beweist, dass die Innenausstattung und Möblierung behagliche Wohnstätten für „Nervenkranke“ schufen. Maria Auböck (Landschaftsarchitektin und Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München), die bereits vor Jahren in einer Studie den interessanten Baum- und Gehölzbestand des Freiraumes Am Steinhof dokumentierte, beschreibt nun die Gestaltungsprinzipien dieses Freiraumes und die Gartenanlagen vor Ort. Zur Vervollständigung der Baugeschichte vertieft sich im Anschluss Plakolm-Forsthuber in die baulichen Interventionen am Areal von der Eröffnung bis in die Nachkriegszeit. Herwig Czech (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes) widmet sich der Anstalt als Ort von Medizinverbrechen im Nationalsozialismus. Caroline Jäger-Klein führt anhand der denkmalgerechten Sanierung und Adaptierung einiger Pavillons durch verschiedene Architekturteams um das Jahr 2000 vor, dass eine erfolgreiche Implementierung der Prinzipien des Bauens im Bestand zu einer nachhaltigen Zukunft des Areales führen kann. Zuletzt entführt Franziska Leeb (freiberufliche Architekturpublizistin) in die zahlreichen Bauprojekte und Bürgerinitiativen rund um den Steinhof.

Nach einem Fotoessay von Wolfgang Thaler zum Steinhof selbst, aber auch zu den Anlagen von Alt-Scherbitz in Preußen, Mauer-Öhling in Niederösterreich, Kremsier in Mähren und Triest, damals noch dem Küstenland Österreichs zugeordnet, erschließt sich die Baugeschichte des Areales Am Steinhof im Detail aus den erst in den vergangenen Jahren aufgefundenen und bisher unveröffentlichten, mehreren tausend Originalplänen und historischen Fotografien, kommentiert durch Beschreibungstexte. Gegliedert in Heil- und Pflegeanstalt, Sanatorium und Wirtschaftsareal und geleitet durch extra erstellte, übersichtliche Lagepläne lädt dieser Katalogteil zu einem ausgedehnten Rundgang durch das ausgedehnte Areal im Westen von Wien ein.

Präsentation und Auswirkung des Forschungsprojektes:
Die Publikation wurde im Juni 2015 am Krankenhausareal und im Oktober an der Technischen Universität Wien, jeweils mit großem Publikumsandrang, präsentiert. Dazwischen gab es eine Pressekonferenz in Kooperation mit diversen Bürgerinitiativen, die sich gemeinsam mit dem Expertengremium der UNESCO, ICOMOS, um eine sinnvolle Nachnutzung des in naher Zukunft verwaisten Krankenhausareales bemühen. Seit dem 18. Dezember 2015 steht das gesamte Bauensemble des Steinhofs auch seitens der internationalen Staatengemeinschaft als „Heritage Alert“ unter besonderer Beobachtung, nicht zuletzt dank der wissenschaftlichen Baudokumentation durch das Forscherinnen-Team an der Technischen Universität Wien. ICOMOS International erinnerte im Februar 2017 erneut die Wiener Stadtregierung mit einem weltweiten Heritage Alert an ihre Verpflichtung, dieses potentielle Welterbe professionell zu schützen.

Geplante, weitere Forschungsaktivitäten zum Thema:
Die Anlage am Steinhof ist jedoch nur eines von zahlreichen um 1900 auf dem gesamten Gebiet der Monarchie errichteten, modernen Heil- und Pflegeanstalten im Pavillonsystem. Von besonderem Interesse für weitere Forschungen wäre insbsondere die Anlage in Kulparkow bei Lemberg im Gebiet der heutigen Westukraine. Mit der dortigen Technischen Universität, L’viska Polytchnika, mit der das damals noch Institut für Baukunst und Bauaufnahme benannte Institut vor mehr als 20 Jahren eine Arbeitskooperation begann, soll in Zukunft die genannte Anlage bei Lemberg nach dem Vorbild der Bauforschungen am Steinhof unter Leitung von Jäger-Klein dokumentiert und publiziert werden.

lageplan steinhof-historisch
Historischer Lageplan Steinhof Grundriss Pavillon 1-2
Steinhof alte Ansichtskarte Steinhof Gesellschaftshaus
Wäscherei, historische Aufnahme Steinhof Zimmer, historisches Foto
Wäscherei Decke heute Steinhof Schnitt Energiezentrale