Modul Bauforschung – Eine Momentaufnahme in Neusiedl am See

Bauforschung bedeutet die Rekonstruktion der gestalterischen Ideen, die einem Gebäude innewohnen, re-agierend auf den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext seiner Entstehung. Sie ist eine Art rückwärts aufgeschlüsseltes Entwerfen und gleichzeitig eine Möglichkeit, das Gebaute und seine spezifischen Lösungen kritisch zu diskutieren und zu bewerten – d.h. je nach Bauaufgabe Kriterien wie Aktualität, Nutzungsqualitäten, gestalterische Kohärenz, Nachhaltigkeit usw. zu hinterfragen. Die Methoden der Bauforschung und ihre Bedeutung für die dem Bauen vorausgehenden Tätigkeiten (Gutachten, Dokumentation, historische Bewertung, Koordination) in der Planung und Umsetzung von Interventionen am Bestand (Sicherung und Konservierung, Umnutzung, Umbau, Sanierung, Restaurierung, Rekonstruktion) sowie für die dem Bauen nachgeordnete, wissenschaftliche Betrachtung von Architektur, sind ebenfalls Themen des Moduls.

Im Ergänzungsfach Architekturdokumentation und Präsentation wurde eine Dokumentation zu den Arbeiten in Neusiedl erstellt und bietet einen Einblick in die praxisnahe Lehre im Rahmen des Moduls Bauforschung:

>>> MODUL BAUFORSCHUNG im WS 2011: NEUSIEDL AM SEE

Der Untersuchungsgegenstand der Lehrveranstaltungen im Modul Bauforschung im WS 2011 ist Neusiedl am See (Burgenland) mit einem Fokus auf einzelnen Bürgerhäusern und deren Einbettung in den Siedlungskontext.

Neusiedl, Hauptort am Nordende des Neusiedler Sees, steht heute als Feriendestination in ständigem Wettstreit mit stark auf Wasseraktivitäten fokussierten Ortschaften wie Weiden, Podersdorf und Rust. Stehen hier vor allem das Naturerlebnis, Freizeit und Sport, Gesundheitsaufenthalte und Kulinarik im Zentrum touristischer Werbekampagnen, gibt es in Neusiedl eine starke Tendenz, die in der Stadtstruktur manifeste Geschichte und Baukultur als zusätzliche Anziehungspunkte zu stärken. Die auf das 13. Jahrhundert zurückgehende Gründung weist in ihrer stadträumlichen Geschlossenheit ein starkes, durch Bausünden des 20. Jahrhunderts allerdings wesentlich beeinträchtigtes stadtbaugeschichtliches Potential auf.

Ziel der Lehrveranstaltungen des Moduls Bauforschung ist es, eine Gesamtsicht auf die baulich manifeste Stadtgeschichte als Voruntersuchung für die künftige Selbstdarstellung Neusiedls prägnant herauszuarbeiten. Erforscht werden dabei nicht nur oberirdisch vorhandene Stadtbaustrukturen sondern – in Ergänzung zu diesen – die im Untergrund der Stadt mit ihren vielen Hauskellern sich besonders klar abzeichnende, bis heute allerdings nicht flächendeckend untersuchte gewachsene Siedlungsstruktur. Vom großen Maßstab der Stadt ausgehend finden in einem weiteren Schritt die Methoden der historischen Bauforschung am Beispiel einzelner Häuser und Hausgruppen Anwendung mit dem Ziel, ausschnitthaft Einblick zu erhalten in Bauformen, Bautypologien und Bautechniken im Neusiedl des Barock, der frühen Neuzeit und des Mittelalters.

Unterstützt werden die Untersuchungen durch die Anwendung innovativer Dokumentationsmethoden der Tachymetrie, der Photogrammetrie und des Laserscannings. Ein wesentliches Ziel der Untersuchungen ist es, das neue Wissen durch eine publikumsorientierte, anschauliche Darstellung vermittelbar zu machen.

Das Modul Bauforschung wird im WS 2011/2012 unterstützt durch die Stadtgemeinde Neusiedl, den Geschichtsverein Neusiedl und das EU-Projekt „TransEcoNet“ der TU Wien.