VORTRAG – Gerold Esser – Bauarchäologische Forschungen und innovative Messtechnik in der Region der Flavii Aurelii der Domitilla-Katakombe in Rom

Gerold Esser

Zeit: 25. – 27. Feb. 2010
Ort: 13.Österreichischer Archäologentag, Salzburg

Programm

Im Rahmen des START-Forschungsprojektes „Die Domitilla-Katakombe in Rom. Archäologie, Architektur und Kunstgeschichte einer spätantiken Nekropole“ geht es um die Dokumentation und Untersuchung der frühchristlichen Wandmalereien in ihrem Architekturkontext. Topographische Studien zum Wachstum der Katakombe sowie eine Erfassung und Deutung der Inschriften haben sich als eine natürliche und sinnvolle Ergänzung aus der mehrjährigen Projektarbeit ergeben.

Gerade der vorliegende Fall der aus einer Vielzahl von Kernregionen zusammengewachsenen größten römischen Katakombe zeigt, dass Forschungen zu baulichen Entstehungsprozessen wesentlich durch eine umfassende und vollflächige Aufnahme und Dokumentation der archäologischen Gesamtstruktur mithilfe innovativer Messtechniken unterstützt werden kann.

Hervorgerufen durch die außergewöhnliche Prominenz und Größe der Anlage sowie den geschichtlichen und kunstgeschichtlichen Wert der enthaltenen Artefakte war die Domitilla-Katakombe seit ihrer Entdeckung gegen Ende des 16. Jahrhunderts bis heute immer wieder Gegenstand ambitionierter Forschungen. Zu deren bleibendem Erfolg haben schon verschiedentlich neuartige, für ihre jeweilige Zeit herausragende Dokumentationsstandards beigetragen. Beispiele dafür sind etwa die berühmten durch Antonio Bosio 1632 postum veröffentlichten, in Kupfer gestochenen Ansichten und Schnittperspektiven von Grabkammern aus der Domitilla-Katakombe sowie der im Zuge der Ausgrabung der späten Märtyrer-Basilika SS. Nereo und Achilleo ab 1874 durch M.S. De Rossi und G. Palombi gezeichnete, erstaunlich genaue Gesamtplan der Anlage. Beide Plansätze stellen bis heute nicht nur wertvolle und aussagekräftige Dokumente vergangener Zustände dar. Sie sind zugleich hilfreiche Arbeitsmittel bei deren Erstellung und Betrachtung sich wichtige Erkenntnisprozesse Bahn brechen konnten.

Eine umfassende und genaue Dokumentation ist heute die Basis jeder historischen Forschung. Die schiere Größe sowie räumliche und strukturelle Komplexität der Domitilla-Katakombe führen die Unzulänglichkeit herkömmlicher Mess- und Dokumentationsmethoden jedoch deutlich vor Augen. Moderne Messmethoden des Laserscannings und der Photogrammetrie dagegen erlauben die kombinierte Aufnahme von Geometrie und Echtfarben in einer tragbaren Zeit sowie die Darstellung großer Objekte in präzisen, vollflächigen Raummodellen. Durch die Erstellung analytischer Plangrundlagen unterschiedlicher Art können die farbigen 3D-Daten zu aussagekräftigen Arbeitsinstrumenten umgearbeitet werden. Nach dem Einsatz des Laserscannings zwischen 2006 und 2008 und der Ausarbeitung der Daten bis Ende 2009 steht für die Domitilla-Katakombe heute erstmals ein hochpräziser Plansatz der gesamten Grabanlage im Maßstab 1:100 zur Verfügung. Dieser enthält detaillierte Angaben zum Erschließungssystem, zu Grabtypologien und Architekturformen sowie zu Bautechnik und Materialwechseln und ermöglicht so die großräumige aber auch detailbezogene Analyse geometrisch-struktureller Zusammenhänge.

Die im Süden an die den Heiligen Nereus und Achilleus geweihte Basilika anschließende Region der Flavii Aurelii gehört zu den Kernbereichen der großen Domitilla-Katakombe. Aufgrund der Inschriften und einer in dieser Region häufigen und als besonders früh eingeordneten Grabtypologie kann sie zu den ältesten Zonen frühchristlicher Bestattungstätigkeit in Rom gezählt werden. Während die in situ befindlichen Inschriften eine christliche Nutzung der Grabanlage vor allem seit der Mitte des 3. Jahrhunderts nahelegen, ermöglichen die der unterirdischen Grabanlage eingeschriebenen Baubefunde eine Festlegung der relativen Chronologie ihrer baulichen Entwicklung. Am Beispiel der Region der Flavii Aurelii kann gezeigt werden, dass die neue Dokumentationsgrundlage eine eingehende Prüfung des heutigen Forschungsstandes unter gewandelten Vorzeichen ermöglicht. Sie stellt deshalb eine wertvolle Ergänzung der topographischen Erkenntnismöglichkeiten dar.