Vortrag HR Prof. Dr. Erwin Reidinger: 2027: 1000 Jahre Kaiserdom zu Speyer

Veranstaltungsbild
  • Zeit: 17.01.2019, 19:00 bis 21:00
  • Ort: Hörsaal 18 - Czuber Hörsaal, Karlsplatz 13, zw. 2. & 8. Stiege, 2. OG

2027: 1000 Jahre Kaiserdom zu Speyer
Was früher als Baufehler abgetan wurde, stellte sich als geplant heraus

Vortragender: HR Prof. Dr. Erwin Reidinger

Erwin Reidinger geht seit etwa 25 Jahren mit den Augen des Bauingenieurs an die Rekonstruktion historischer Anlagen und Bauwerke heran. In seinen Forschungsergebnissen sieht er die „Wiederentdeckung verlorenen Wissens“. Sie betreffen insbesondere geometrische und astronomische Rekonstruktionen an Gründungsstädten und Heiligtümern, die vom Altertum über die Antike bis ins Mittelalter reichen und sich vom Orient bis in den Okzident erstrecken.

Seine Forschungen sind in Bauanalyse und astronomische Untersuchung gegliedert. Im ersten Fall erfolgt die Rekonstruktion des Bauplanes im historischen Maßsystem (Fuß und Klafter), das durch runde Werte zum klaren Verständnis der Planung beiträgt. Der zweite Fall betrifft die Einbindung der Achsen von Heiligtümern in den Kosmos nach der aufgehenden Sonne (im Christentum: Metapher für Christus), die an bestimmten Tagen erfolgte. Diese Orientierungstage sind „Zeitmarken“, deren Kenntnis einen wesentlichen Beitrag zur Geschichtsforschung darstellen kann. Eine Besonderheit stellte dabei die geknickte Kirchenachse dar, die nicht als Baufehler, sondern als Programm in die jeweilige Planung Eingang fand.

Der Kaiserdom zu Speyer ist ein derartiges Projekt, das er mit Unterstützung des Dombauamtes, des Diözesanarchivs und Vermessungsamtes Ludwigshafen mit dem Titel „1027: Gründung des Speyerer Domes“ in den Schriften des Diözesan-Archivs –Speyer (2014, Band 46) veröffentlichen konnte. In seinem Vortrag, der im Wesentlichen dem Inhalt des Buches folgt, zeigt er ausführlich den Forschungsweg, der von der Bauanalyse über die astronomische Untersuchung (Archäoastronomie) zum Gründungsdatum des Domes am 29. September 1027 führt. Es ist der Tag des Erzengels Michael, der wohl auf Anordnung Kaisers Konrad II. die heilige Orientierung des Chores bestimmt. Die Rekonstruktion des Bauplanes im historischen Maßsystem lässt die Abmessungen in runden Planungswerten erkennen. Was früher als Baufehler abgetan wurde, stellte sich als geplant heraus, insbesondere der schiefwinklige Chor, der auf eine getrennte Orientierung von Langhaus und Chor nach der aufgehenden Sonne beruht und deshalb als „Achsknick“ erscheint.

Eine umfangreiche Einführung zum Thema Orientierung von Heiligtümern mit Beispielen und theoretischen Betrachtungen soll Grundlage zum leichtern Verständnis sein. Dazu hat er aus seinen Forschungen die Tempelanlage in Jerusalem mit dem Tempel des Salomo, Alt St. Peter in Rom, die Grabeskirche in Jerusalem sowie die mittelalterlichen Stadt- und Kirchenplanungen von Wiener Neustadt, Marchegg und Wien ausgewählt.

Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Erwin Reidinger ist Bauingenieur, Bauforscher und Archäoastronom. 1942 in Wiener Neustadt geboren, aufgewachsen in Winzendorf (Niederösterreich). Seine Ausbildung an der Technischen Universität Wien (Bauingenieurwesen) und seine Berufserfahrung (Bauplanung, Vermessung und Sachverständigentätigkeit) stellen die Basis seiner naturwissenschaftlichen Forschungen dar. Angeregt durch die Restaurierung der „Alten Winzendorfer Kirche“ interessierte er sich für historische Anlagen, wie z.B. Gründungsstädte, Burgen und Heiligtümer und hat dazu zahlreiche Publikationen vorgelegt (erwin-reidinger.heimat eu). 1996 promovierte er mit dem Thema „Planung oder Zufall – Wiener Neustadt 1192“ an der Technischen Universität Graz zum Doktor der technischen Wissenschaften.

 

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