Kirchen in islamischen Ländern | Kirchen im Iran

Editorial im Magazin “kunst und kirche” Ausgabe 1.2026

Negar Hakim, Johann Hinrich Claussen

Dieses Heft widmet sich den Kirchen in der islamischen Welt – den Kirchengebäuden und den kirchlichen Gemeinschaften. Über beides weiß man in Westeuropa zu wenig oder ahnt nur Verzerrtes. Mehrere Anliegen haben uns sowie die Autorinnen und Autoren zu diesem Heft motiviert: Wir möchten das reiche geistliche und kulturelle Erbe der Christentümer im Nahen Osten und in Nordafrika vorstellen.

Dazu gehört auch ihr außergewöhnlich vielfältiges architektonisches und ikonographisches Erbe. In Ländern wie Ägypten, Syrien, der Türkei, im Libanon, Iran, Tunis, Mauretanien, Gaza und Katar finden sich Kirchenbauten von bemerkenswerter historischer Tiefe und gestalterischer Qualität. Viele von ihnen – von spätantiken Basiliken über mittelalterliche Fels- und Klosterkirchen bis zu osmanisch geprägten Gemeindekirchen – weisen eine Baukultur auf, die weit über regionale Grenzen hinaus wirkt. Zugleich entstehen auch heute unter anspruchsvollen Bedingungen neue Kirchen, die zeitgenössische Formen entwickeln und diese Tradition fortschreiben. Einige bedeutende Sakralbauten wurden aufgrund ihrer universellen Bedeutung in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen; sie prägen Stadtbilder, bewahren charakteristische ikonographische Traditionen und zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt räumlicher und liturgischer Ausdrucksformen.


Hier liegt die historische Wiege des Christentums, auch der christlichen Sakralarchitektur – nicht etwa in der Schweiz, Österreich oder Deutschland. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass diese christliche Kultur an vielen Orten in ihrer Existenz bedroht ist. Ihr Ende wäre auch für uns in Westeuropa ein Verlust. Wir wollen aber auch einen Eindruck davon vermitteln, wie christliche Gemeinschaften in der islamischen Welt nicht nur überleben, sondern ein beeindruckendes Gemeindeleben entfalten und sich für ihr Gemeinwesen engagieren. Dies geschieht unter Bedingungen, die unsereinen resignieren ließen. Und schließlich möchten wir mit diesem Blick in diese fern-nahe Welt dazu anregen, sich hierzulande umzusehen und darüber nachzudenken, wie religiöse Minderheiten sich bei uns entfalten und mit ihren Gebäuden öffentlich sichtbar werden können.


Man könnte meinen, dass dieses Heft ein besonderes Wagnis darstellte, weil das Thema leicht zum Streit führt. Wir sind anderer Meinung und hoffen, dass ein – wenn auch fragmentarischer – Überblick, in dem Fachleute nüchtern, kundig, aber auch engagiert Bericht geben, auf offene Ohren, neugierige Augen und unbefangene Gesprächsbereitschaft stoßen kann. Schließlich steht eine Zeitschrift aus Papier etwas abseits der aggressiven Kommunikation, die in sozialen Netzwerken gepflegt wird. Jedenfalls möchten wir es auf den Versuch ankommen lassen.

Beitrag

Negar Hakim, Azadeh Hariri

Architektur, Identität und UNESCO-Welterbe

Inmitten eines mehrheitlich islamisch geprägten Kulturraums stehen die christlichen Kirchen Irans als stille Zeuginnen einer langen religiösen Geschichte. Einige von ihnen reichen bis in die Frühzeit des Christentums zurück und tragen nahezu zwei Jahrtausende Geschichte in ihrem Mauerwerk.

Der Beitrag von Negar Hakim und Azadeh Hariri widmet sich dem Komplex der armenischen Kirchen im aserbaidschanischen Iran, bestehend aus dem Kloster des Heiligen Thaddäus, dem Kloster des Heiligen Stephanos und der Zor-Zor-Kapelle. Alle drei Bauwerke wurden 2008 gemeinsam in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen und repräsentieren eines der ältesten Zentren armenischen Christentums im Iran. An ihnen wird der fortwährende kulturelle Austausch zwischen armenischer Baukunst und iranischen Traditionen sichtbar.

Im Mittelpunkt stehen die architektur- und bauhistorische Analyse der Anlagen sowie ihre denkmalpflegerische Bedeutung. Ein besonderes Augenmerk gilt der Translozierung der Zor-Zor-Kapelle: Um das Bauwerk vor der Überflutung durch den neu errichteten Barun-Staudamm zu schützen, wurde die Kapelle in einer denkmalpflegerisch vorbildlichen Maßnahme vollständig versetzt und an einem neuen Standort wiederaufgebaut. Dieses Projekt gilt heute als eines der wenigen Beispiele im Iran, bei denen eine authentizitätserhaltende Versetzung erfolgreich umgesetzt wurde.

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